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Neozoen und Neophyten

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Das Jahr 1492 (Entdeckung Amerikas durch Kolumbus) wird als Symbol für den Beginn des Kolonialzeitalters verwendet. Seit dieser Zeit ist es durch die zunehmende Vernetzung der verschiedenen Kontinente auch zu einem verstärkten Austausch von Tier- und Pflanzenarten gekommen. Vor 1492 eingeführte oder eingeschleppte Tiere werden als Archäozoen bezeichnet. Beispiele für Archäozoen bei uns sind die Hausmaus Mus musculus und das Heimchen Achaeta domestica.
Direkte oder indirekte Mitwirkung des Menschen für das Auftreten einer Tierart in einem Gebiet kann u.a. sein: bewußte Einbürgerung (z.B. Mufflon Ovis ammon musimom), unbeabsichtigte Einschleppung mit Waren (z.B. Kartoffelkäfer Leptinotarsa decemlineta), Entweichen aus Haltungen (z.B. Nutria Myocastor coypus), Vernichtung von Ausbreitungsbarrieren z.B. durch Kanalbau (z.B. Dreikantmuschel Dreissena polymorpha). Im Gegensatz dazu steht die natürliche Einwanderung (Vor drei Jahrmillionen kam z.B. durch die sich schließende mittelamerikanische Landbrücke ein gewaltiger inneramerikanischer Artenaustausch zustande (scheinbar ohne größere Probleme hervorgerufen zu haben); (Südamerika gehört seither zu den artenreichsten Kontinenten).). Von ihr kann gesprochen werden, wenn das Tier ohne erkennbaren Zusammenhang zu menschlichen Aktivitäten in dem betreffenden Gebiet erscheint (z.B. Karmingimpel Carpodacus erythrinus).
Während über die Zahl und Ökologie von Neophyten umfangreiche Forschungen vorliegen, wird die Anzahl der Neozoen insgesamt in Deutschland auf ca. 2,1% (1400 Arten) der Tierarten geschätzt, von denen etwa 210Arten in heimischen Ökosystemen etabliert vorkommen. Zu deren Ökologie besteht Forschungsbedarf. Bislang wurden für Deutschland 41 Neomycetenarten (nicht heimische Pilze) nachgewiesen. Zur Zeit liegen in Deutschland leider noch relativ schlechte Untersuchungsfakten über die meisten Neozoen, im Hinblick, auf: Fortpflanzung, Feinde, Parasiten, Krankheiten, Bedeutung in der Nahrungskette, Auswirkung auf die Vegetation, usw. vor.

Aquatische Neozoen

Das Eindringen und die Wirksamkeit der Neozoen in den Binnengewässern Europas wurde durch die Besiedlungsverdichtung des Menschen und seinen erhöhten Nutzungsdruck auf die Flußlandschaften ermöglicht oder beschleunigt. Es besteht eine direkte Beziehung zwischen dem Anwachsen der Bevölkerungsdichte und der Zunahme der Neozoen, vergleichbar jener zwischen Bevölkerungsdichte und Artenverlust.
- Eine ganz besondere Rolle spielt der Wasserbau auch hinsichtlich der Wege bzw. Einfallspforten vieler Neozoen nach Mitteleuropa.
Auch die Schiffe, für die der Wasserbau die Verkehrswege geschaffen hat, tragen zur Verschleppung bei:
- über Ballast- und Bilgenwasser, z.B. die Muscheln der Gattung Corbicula.
- durch Aufwuchs auf dem Schiffsrumpf, z.B. der Keulenpolyp Cordylophora caspica; mit ihrer Fracht gelangte die Dreikantmuschel Dreissena polymorpha teilweise mit Holzfrachten oder an Bootsrümpfen aus dem Baltikum über die Ostsee in den Bodensee. Die in den Bundeswasserstraßen nachgewiesenen Neozoen stammen hauptsächlich von der Ostküste Nordamerikas, Neuseeland, Süd-/Ostasien, Südosteuropa, Schwarzem und Kaspischem Meer sowie vom Mittelmeerraum. Die Anzahl von Neophyten und Neozoen in marinen Ökosystemen, die mit dem Ballastwasser, dem Tanksediment und an der Außenhaut der Schiffe eingeschleppt werden, wird auf einen Organismeneintrag von 7,4 Mio. Individuen pro Tag oder etwa 86 Individuen pro Sekunde geschätzt.
Folgen: Neozoen zeigen diese Homogenisierung einerseits an, tragen andererseits selbst dazu mit bei: Alle großen Flüsse in Europa haben in ihren schiffbaren Abschnitten mittlerweile fast das gleiche Arteninventar.
- Im Rhein-Einzugsgebiet kommen mittlerweile über 80 Arten etablierter Neozoen vor. Im Rheinstrom selbst stellen sie bis zu 15% der Arten des Makrozoons. Im Falle der Muscheln Dreissena und Corbicula sowie des Schlickkrebses Corophium curvispinum stellen sie erhebliche Anteile an der verfügbaren Biomasse da.
- Sie bilden untereinander Biosysteme, z.B. durch Platzkonkurrenz (Dreissena und Corophium) oder Parasitismus (Zander Lucioperca lucioperca und der Leberegel Bucephalus polymorphus).
- Corophium verdrängt neben Dreissena auch die Wasserassel Asellus aquaticus und mehrere Arten der Zuckmücken (Chironomidae). Infolgedessen nimmt der Bestand von deren Prädatoren, z.B. Egeln (Hirudinea) ab. - Neozoen tragen bei zu Erosion und Sedimentation im Fluß. Sie sind in Stoff- und Energieflüsse im Gewässer eingebunden.
Neozoen sind integriert in Organismenkomplexe, Gilden und Nahrungsnetz. Sie formen als Aufwuchsbildner sekundäre Habitatstrukturen für Meso- und Mikrofauna.
- Sie fördern als Nährtiere Fisch- und Vogelbestände.

  
Kurzlehrbuch Biologie
von Gerd Poeggel
Siehe auch:
Kurzlehrbuch Chemie
Kurzlehrbuch Histologie
Chemie für Mediziner. Lern-Tipp: Nach neuer AO! St...
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